Vom Leben schmecken - ein Rückblick

Vom Leben schmecken - ein Rückblick

Am 12. Dezember 2017 habe ich meinen 80. Geburtstag gefeiert. 2016 bin ich von England nach Deutschland gezogen und lebe jetzt in Bonn. Meine Verwandten in Deutschland wussten sehr wenig über mein Leben. Deshalb haben meine Tochter Tabita und ich eine Reihe von Collagen zusammengestellt, und die zubereiteten Köstlichkeiten erinnerten an die jeweiligen Lebensstationen.

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Dezember 1937, Sloka

"Graue Erbsen" für ein gutes neues Jahr

Wie hat alles angefangen?
An was erinnere ich mich?
Vater war Kolonialwarenhändler Kaufmann in Sloka.
Meine Mutter half im Geschäft und konnte leckere Torten und Kuchen backen.
Schwester Rute nannte mich “ihren Schwanz”, weil ich überall hinter ihr herlief. Sie ist 3 1/2 Jahre älter.
Etwas Besonderes an Essen habe ich nicht in Erinnerung. Aber das weiß ich noch genau:
Griesbrei, den mochte ich nicht. Bis heute nein. Da waren immer Klümpchen drin.
Aber abgewandelt – dann eine Delikatesse – Himmelsmanna oder Buberts.

Ein Silvesterabend ist aber in Erinnerung.
Ich war 5 oder 6 Jahre alt –
Die Eltern gingen aus. Meine Schwester und ich blieben allein zurück.
Meine Mutter stellte uns eine Schüssel voll mit grauen gekochten Erbsen hin.
Wir sollten sie bis Mitternacht leer essen. Dann hätten wir Glück im Neuen Jahr.
Haben wir das geschaff? Ich weiß es nicht.
Ein glückliches Leben?
Ich weiß es nicht – aber ein Leben voller Begebenheiten – ganz bestimmt.


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1944

Flucht

Ich erinnere mich, dass viele Soldaten in Sloka waren.
Im Hof war eine Wasserpumpe. Ich sah, dass ein deutscher Soldat sich da wusch.
Meine Mutter backte in der Küche Pfannkuchen und sie lud ihn zu uns ein.
Mein Vater konnte deutsch und der Soldat war dankbar für die Gastfreundschaft.
Dann kam die Flucht. Sehr schnell wurde gepackt.
Auf einem offenen Militärauto fuhren wir nach Liepaja.
Einige Tage blieben wir dort, schliefen in der Oper.
Dann ging es weiter mit dem Schiff nach Danzig.
Ankunft am 17. Ooktober.
Ich habe sehr wenig Erinnerungen an diese Ereignisse.
Aber ich weiss noch, dass Damen des Roten Kreuzes uns Haferflockensuppe zu essen gaben
und die war süß, schmeckte gut. Zu Hause wurde unser Brei nicht gesüßt - nur gesalzen.
Die Flucht ging weiter per Zug.

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Lübz, Mecklenburg

Kohlrabisuppe im Winter
Es muss ein sehr grosses Lager gewesen sein.
Schliefen in großen Räumen. Stockbetten. Wa nzen fielen von der Decke auf uns und bissen uns.
Und was gab es zu essen?
Das Eine weiß ich noch genau;
Kohlrabisuppe – überalteter ganz ausgewachsener Kohlrabi,
Ich hatte das Gefühl, dass die Suppe voller harter Schweineborsten war.
Manchmal gab es auch Kartoffeln, aber wenn sie Frost abbekommen hatten, dann fand ich sie furchtbar, eigentlich ungenießbar. Es war ja Winter.
Es vergingen wohl 30 Jahre bis ich es wagte, Kohlrabi zu kaufen und zu kochen.
Dann - was für eine Überraschung – der Kohlrabi schmeckte.
Aber bis heute schäle ich ihn sehr sorgsam.


hoheesche

1945, Wittmund

Reise ins Unbekannte

Es war schon Frühling 1945 als die Flucht weiter ging. Die russische Front kam näher.
Wieder eine Zugfahrt. Keine Ahnung, wer der Organisator war. Überfüllte Waggons.
Keine Ahnung, wohin es ging. Nur Richtung Westen.
Endpunkt der Zugfahrt – Wittmund in Ostfriesland.
Übernachtung in einer Schule.
Zur Flüchtlingsaufnahme sammelten sich Leute aus der Umgebung.
Wir wurden mit Pferd und Wagen nach Hoheesche gefahren.
Auf einem recht großen Bauernhof wies man uns in ein Zimmer ein.
Unser Wirt war Bauer Edzard. Leider war er vollkommen taub.
Drei Töchter – Hanna, Irmgard und Margret.
Zur Begrüßung – wir wurden bewirtet mit einer heimischen Spezialität –
sah aus wie eine weiße Milchsuppe.
Sie schmeckt aber sauer – es war eine Buttermilchsuppe.
Sie ist nicht in meiner Kochrezeptesammlung zu finden.
Aber es gab ja auch vieles Anderes zum Behalten.
Da ist der Grünkohl, Er mußte immer erst auf dem Feld gepflückt werden.
Bei Schnee und Regen im Winter nicht so angenehm.
Ich lernte auch das richtige schwarze Vollkornbrot schätzen.
Das suche ich immer. Esse es sogar lieber als das lettische “saldsskabmaize”.
Und dann das ganz Besondere:
Zu Neujahr
wurde überall gebacken – keine Torten – sondern dünne Waffeln – wie kleine Tütchen gerollt. Zusammengesteckt und in großen Metallmichkannen aufbewahrt.
Als Kinder gingen wir am Neujahrsmorgen von Haus zu Haus und wünschten allen
“ein guten Neues Jahr!” Und wir wurden mit den Waffeln beschenkt, aber ohne Sahne.
Jahre später haben auch wir ein feines Waffeleisen gekauft.
Das richtige Rezept ist von einer der Töchter des Bauern Edzard uns gegeben worden.
Toms hat sich auf dieses Backen spezialisiert.


leben

1947, LAGER OHMSTEDE - Oldenburg

Leben!

Mein Vater war inzwischen aus der Kriegsgefangenschaft in Belgien zu uns gekommen.
Flüchtlinge aus dem Osten, den Ländern, die unter dem Kommunismus gelandet waren,
wurden der UNO unterstellt, und sie wurden mit CARE paketen und Kleidern versorgt.
In Oldenburg gab es mehrere Flüchtlingslager – eins in Ohmstede. Im Frühjahr 1948 zogen wir in dieses Lager. Das Zusammenleben war sehr eng und aufreibend.
Meine Eltern verstanden sich nicht mehr. Mein Vater verließ uns und fuhr im Sommer 1948 zurück in das jetzt kommunistische Lettland.
Meine Mutter und wir beiden Schwestern waren auf uns allein gestellt.
Aber für mich eröffnete sich ein neuer Ausblick.

Belgien

Belgien bot Flüchtlingskindern eine Erholung an. Es sollten möglichst katholische Kinder sein, aber in Oldenburg gab es keine. Ich durfte mich anmelden.
Zuerst sollte es für 6 Monate sein, dann wurden es aber nur 3.
Nach Weihnachten begann die Reise.
Wir Kinder wohnten in Bastogne. Ich bei einem Arztehepaar.
Zuerst hatte ich dort Angst, alles war so fein.
Zum Essen lud ich mir den Teller ganz voll, aber dann schaffte ich es nicht, ihn leer zu essen.
Madame Gribomount riet mir, ruhig weniger zu nehmen. Eine zweite Portion sei immer noch möglich.
Ich lernte auch richtig gute Tischmanieren. Messer und Gabel gehörten zum Alltag.
Das Essen schmeckte, aber was war besonders gut? Pommes frites!
Madame fragte, ob ich Bananen mag. Was konnte ich sagen, ich hatte bislang keine gegessen.
Meine Antwort - “Nein, ich mag sie nicht”. Nun, dann gut, sie möge auch keine.
Auf der Rückfahrt im Zug hatte ein Junge Bananen mit und ich probierte meine erste. Sie schmeckte.
Zu Hause erwartete mich meine Schwester. Meine Mutter war noch bei der Arbeit.
Ich weiß nicht, was meine Schwester gekocht hatte, aber ich hatte wohl eine Gabel, aber dann wollte ich auch ein richtiges Tischmesser haben. Und sie gab mir eine Ohrfeige.
Das Leben im Lager ging weiter. Aber es gab wieder neue Ausblicke.


neue_welten

1954

Neue Welten öffnen sich

Der CVJM unter Leitung von Arturs Ludriksons hatte Kontakte zu Holland aufgebaut.
Es gab die Möglichkeit, dass Kinder aus Lagern ihre Ferien in Holland verbringen konnten.
Und ich war wieder dabei.
Zuerst ging es nach Holwierde nördlich von Groningen, auf dem Lande,
dann nach Zuidlaaren südlich von Groningen.
Bei den Familien lernte ich, wie genügsam der holländische Alltag sein kann. Man achtete sehr, daß das Essen nicht zu üppig ausfiel.
Wenn man 3 Scheiben Käse hatte, dann reichte es für 3 Scheiben Brot. Aber wenn man den Käse gerieben hatte, dann bedeckte er 5 Scheiben Brot.
Dort lernte ich auch Schokolade Hagelschlag kennen. Schmeckte ausgezeichnet aufs Brot.
Und wenn ich kleines Gebäck kaufen ging, dann hatte ich zu sagen: “Licht van Gewicht”.
In leichterem Gewicht gab es mehr Plätzchen.
Ich bekam mit, dass die Holländer sich sozial sehr engagierten. Und Anderen zu helfen – das war für sie eine Priorität.

1954 kam die dritte Hollandfahrt.
In Groningen kam ich zu einem jüngeren Ehepaar.
Sie freuten sich, dass ich kein kleines Kind mehr war. Aber was macht man mit so einem 14jährigen Mädchen, wenn man abends ausgehen will? Kann man es in eine Bar mitnehmen,
was kann man ihr zum Trinken anbieten?
Ich wurde mitgenommen und ich genoß Eierlikör.
Und wie war es mit dem Essen?
Die indonesiche Küche – wegen der Kolonialzeit – prägte das holländische Leben.
Nasi Goreng wurde zu meinem Lieblingsgericht und später auch zu dem meiner Familie.
Das Gewürz Sambal Olek ist bei mir immer zu Hause.
Tante Tina und Onkel Johann wurden teil meiner Familie. Auch als ich England wohnte, fuhr ich zu ihnen zu Besuch.

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Das Lagerleben ging weiter. Meine Mutter war krank, meine Schwester und ich auf uns allein gestellt. Wir beide wollten meinen Namensteig feiern, aber wie, mit wenig Geld.
Wir kauften Schlagsahne und mischten Schokoladenstückchen hinein und auch das war ein Genuß.


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1961

Zu Tisch mit General Bangerskis

1961, verwandelte sich das Lager in Neubauten.
1957 - Noch während der Lagerzeit heirateten Paulis und ich. Er war als Pastor der Letten nach Oldenburg gekommen.
Meine Kochkünste waren beinahe gleich null aber von Anfang an gefragt. Das Kochbuch war mein ständiger Begleiter. Um den kleinen runden Tisch sammelten sich meine Mittagsgäste.
Einer war der frühere General Rudolfs Bangerskis. Er hatte eine recht leise und freundliche Stimme, gar nicht die eines Generals - er erwähnte oft seine Mutter: “Mana mammina to varija ta.”
Es wurde recht viel gefeiert, denn es gab immer wieder Abschied zu sagen, wenn die arbeitsfähigen und gesunden Bekannten auswanderten in die ferneren Länder.
Aufbaulager brachten Hilfe für die Lagereinwohner.

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Frau Sviķes Geheimrezept
Das Kochen blieb teil meiner Aufgaben und ich wurde auch ganz gut im Tortenbacken. In der Familie wuchsen Martin, Peteris, Tabita und Toms auf. Oft verbrachten wir unsere Ferien in Schweden auf der Insel Öland. Einmal – es war Ende August und Martins Geburtstag, da backte Frau Svikis einen besonderen Kuchen – einen braunen mit weißen Streuseln drauf. Er schmeckte uns allen. Auf meine Frage: “Könnte ich bitte das Rezept haben” kam leider eine verneinende Antwort.
Ein Jahr später besuchte uns Frau Svikis in Oldenburg. Sie beschenkte Martin mit dieser Pfanne und dem Rezept für “Birumkūka”.
Eine andere - für mich - sehr ernste Begebenheit - war, als mein Schwager Arnold, nach dem Tod von Lucija, zu mir kam und mir ein Rezept gab, das ich verwirklichen sollte: Meine Aufgabe war es “Kopfkäse” aus einem Schweinskopf zu kochen. Ich hatte noch nie einen Schweinekopf bearbeitet noch aus der Nähe mir angesehen. Die Zubereitung ist ein wenig anders als bei einer normalen Sülze galerts. Ich schaffte meine Aufgabe, aber es blieb ein einmaliges Erlebnis.

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Frau Maria Cron möchte Sie sprechen!
Welches alkoholische Getränk liebten wir? Neben Wein war da der Weinbrand “Mariacron”.
Im Büro der Werkstätten für Behinderte war ein Geburtstag zu feiern. Es fehlte aber eine Dame, die gerade mit den Behinderten arbeitete. Jemand eilte zu ihr und bat sie, ins Büro zu kommen, denn “Frau Maria Crone möchte sie sprechen”. Die Dame folgte willig.
Es war selbstverständlich, dass man in Oldenburg auch geräucerte Aale zu schätzen lernte. Im Herbst, zum Kramermarkt, waren sie überall zu kaufen. Bad Zwischenahn war die Hochburg der Aalräucherei.


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1987, ENGLAND

Neubeginn mit 50

Eine einschneidende Veränderung war meine zweite Heirat mit Aldonis, ich war gerade 50 geworden. 30 Jahre verbrachte ich in England. Es war eine gute Zeit und ich fand zu mir selber. Das, was ich bisher gelebt hatte, lernte ich zu vertiefen und war gern Pastorin der lettischen Gemeinden.
Was gab es sonst noch in England zu erfahren? Natürlich machte mich Aldonis mit seinem Lieblingsgetränk bekannt: das war der Wiskey und die Marke “Famous Grouse”. Das liebenswerte Rebhuhn hat auch mich erfreut. Und ein gutes scharfes Curry- essen, sowie “Fish und Chips” gehörte auch zum Alltag.
Eine Enttäuschung gab es für Aldonis: Ich sagte, dass ich “Komm morgen wieder” bereiten würde. Und als sie auf dem Tisch waren, stellte sich heraus, dass es nicht die richtigen waren. Er hatte sich auf eine Quarkfüllung mit Rosinen gefreut und die meinigen hatten eine Fleischfüllung.


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2017, Bonn

Zurück auf dem Kontinent…

Ich habe gern zurückgedacht. Irgendwie hat ein Lied meine Gedanken begleitet. Es hat nichts mit Kochen zu tun, aber vielleicht mit einer gewissen Nostalgie.
Es war noch in Ostfriesland, es war Sommer, die Fenster waren offen und im Radio sang Rudi Schurike. Vielleicht hat dieses Lied mich angesprochen, weil es mich an eine heile Welt erinnerte, aber die Welt ist nur bruchstückhaft zu erfahren. Es war das Lied von den Capri Fischern. “Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt.”

Und was bietet mir Bonn?
Das, was ich immer in England vermißte – Spargel und Bratwurst.

Gibt es jetzt noch etwas zu erforschen? Oh, ja! Im Herbst waren Mirjam und ich in Spanien und dort habe ich zum erstenmal Muscheln gegessen. Und zu meiner Überraschung konnte ich sagen: “Die schmecken ja gut”.

Ein Gedicht von Arnolds Apse ist mir lieb:

Er sieht wie schön sein Tag gewesen ist und eine Träne kommt ins Auge.